Lasset uns alle Brüder sein, liebe Schwestern!
von
am 18.01.2013 um 19:17 (343 Hits)
Seit einigen Tagen führt uns unser Weg an einem von zwei unbestechlichen Wauzeln sorgfältigst bewachten Grundstück vorbei. Der Weg ist eigentlich eher ein schmaler Pfad, und wir, das sind Tilly und ich.
Was tut man so, wenn einem von weitem schon wärmstens empfohlen wird, am besten sofort wieder zu verschwinden? - Nun, wenn man die beiden Krachmacher hinter einem dichten Zaun weiss, heisst die Lösung: Einfach ignorieren, die können uns schliesslich nichts.
Leider gibt es da so ein kleines, fieses Männchen in meinem Kopf, das mir immer auf das Hirn klopft, wenn ich eine Lösung favorisiere, die aus Nichtstun besteht. Das Männchen schlug wieder zu.
Als lernwilliges Menschlein, dass dem Fleiss auch gar nicht so sehr abgeneigt ist, ihm nur manchmal aus dem Weg zu gehen versucht, holte ich mir bei Tilly ersten Rat.
Tilly ignorierte nicht. Sie kann zwar faul sein, aber dumm ist sie nicht. Tilly war es nicht wohl dabei, an dem Grundstück vorbei zu gehen. Vielleicht verstand sie die beiden Hunde und hielt deren Anliegen für berechtigt? Vielleicht haben wir nicht Kurs auf ihr Revier zu nehmen? Vielleicht war meine Entscheidung, es doch zu tun, die eines rücksichtslosen Banausen?
Wenn Tilly sich im Unrecht wähnt, neigt sie eher zur Ängstlichkeit als sonst. Wenn andere im Unrecht sind, gibt sie keinen Millimeter nach.
Ich stellte das staatliche Recht über das Hunderecht und ging an dem lauten Grundstück vorbei. Tilly ignorierte immer noch nicht, sondern sah sicherheitshalber alle Augenblicke rückwärts. Erst nach fünfzehn Metern liess sie das sein. Auf dem Rückweg sah ich zwar andauernd zu Tilly, ignorierte die Preisbeller aber immer noch. Das kleine Männchen holte seinen Vorschlaghammer hervor.
Am Abend lud ich das Männchen zu einer demokratischen Diskussion ein. „Idiot!“, schalt mich das Männchen wie immer zu Beginn unserer Gespräche. „Du alter Bequemmacher-Hundeführer, du bloß-nicht-mit-dem Arsch-hochkommen-Herrchen!“, fuhr er in gewohnter Weise fort. „Ignorieren ist doch gut.“, gab ich selbstsicher das wieder, was ich irgendwo gelesen hatte. “Die Hunde merken, dass ihr Wauzelaufstand nichts bringt, verlieren die Lust dazu, und gut ist´s!“ „Faules Schwein!“, argumentierte das Männchen sachlich, „Postbote, ich sage nur : POSTBOTE!!!“
Was sollte mir dieses Wort sagen: Postbote? -Ach ja, der Postbote nimmt Kurs auf Wauzelmanns Revier, wird kräftig zur Sau gemacht, gewarnt, bedroht, und dann.....gibt er auf und verschwindet endlich. Der hat genug! -Doch am nächsten Tag probiert er es wieder, und am übernächsten, und am über-übernächsten........, bis die Wauzels vor Wut weiss glühen. Und wenn irgendwann einmal ein Loch im Zaun sein sollte, oder das Tor steht offen, dann....... dann....DANN.....
Eigentlich ging das Männchen noch recht freundlich mit mir „Postboten" um. Bin ich doch der Oberpostbote und Tilly mein Adjudant. Als Oberpostbote trägt man alle Verantwortung für die Gruppe ganz allein. Und dem muss man gerecht werden!
Still und gefasst, Hand in Hand und mit Tränen der Freude in den Augen, trugen das kleine Männchen und ich noch am selben Abend die Bequemlichkeit zu Grabe, betteten sie behutsam neben die Ausrede und rauchten dann erstmal eine.
Nach der Beerdigung überlegte ich mir einen Plan, der auch alles enthalten sollte, was die selige Hilde mir einst zu diesem Thema beigebracht hatte. Tilly und ich wollten wieder anständige Hunde werden und mit allem Respekt höflich um einen Passierschein bitten.
Am nächsten Tag ging ich ganz stramm auf der Seite, auf der das besagte Grundstück liegt, nur, um auf dem schmalen Pfad zur rechten Zeit noch einen Bogen hinlegen zu können. „Hey,“, rief ich dem Männchen zu, „brauche jetzt die Software „Hilde 2.0, Beantragung eines Passierscheins.“ “ „Läuft schon, Buddy. Let´s go!“, kam es sozusagen „post“-wendend zurück.
Uns hören, uns sehen, uns bekläffen war eins. -Und nun den Bogen! -Tja, wie soll ich sagen? Für einen guten hätte ich in den Fluss springen müssen. Mein Bogen war so gut wie keiner. Immerhin war mein Gang gemächlich, und ich hielt in einem grosszügig bemessenen Abstand zu den Hunden inne, um mich dann ebenso gemächlich hinzuhocken. Wie schön doch die Sonne schien, und das viele Grün! -Hunde? Welche Hunde? Nein, ich ignorierte sie nicht, aber zoffig war ich nicht drauf, das durften sie gern sehen. Mit den Hunden im Augenwinkel besah ich mir die Gegend in Augenhöhe. Nach unten wollte ich den Blick nicht richten, schliesslich bin ich auch wer! Hilde war auch immer „auch wer“. Gelegentlich einen kurzen, gelangweilten Blick in die Richtung der Hunde, gelegentlich einen kurzen (bin ja nicht leichtsinnig!) über den Fluss. Nach einer Minute war das so ermüdend, dass ich den Himmel angähnte. Ein paar beruhigende Worte flossen in meine Umgebung, die Hunde haben sie wohl gehört. Tilly war von der Show noch nicht ganz überzeugt, die Hunde waren ihr wohl doch etwas zu giftig. Tilly machte die ganze Zeit über Front zu den Hunden und hatte das Fell auf Halbmast gesetzt. Immerhin standen ihr die Haare nicht so hoch, wie es in solchen Fällen bei ihr üblich ist. So ganz falsch schien ich also auch nicht zu liegen.
Ich rief Tilly heran, klopfte sie, und erklärte ihr, dass ich die Sache schon in den Griff bekommen würde. Währenddessen gab es keine Mikrosekunde, in der die aufgebrachten Hunde nicht in meinem Augenwinkel verweilten. Gelernt ist gelernt!
Tilly wollte „post“-wendend wieder auf ihren Posten, ich rief sie abermals zu mir. Dann machte es bei ihr „Plopp!“. Natürlich war davon nichts zu hören, aber vielleicht lag das auch daran, dass die anderen Hunde so laut waren. Obwohl, wenn ich mich recht besinne, so giftig wie zu Beginn waren sie eigentlich schon nicht mehr. Nach dem unhörbaren „Plopp!“ war Tilly wie ausgetauscht gegen einen Hund, der zwar so aussah wie sie, aber bellenden Hunden nur Desinteresse entgegenbrachte. Gelangweilt am Gras zu schnuppern, als ginge sie die Welt nichts an, das war „das Ding“ für diesen Austauschhund.
Jetzt lag alles nur noch an mir und Hilde. Volles Programm mit Hilde 2.0, Beantragung eines Passierscheins. „Jetzt kriegen wir´s hin!“, jauchzte das Männchen. Ruhig und konzentriert spulte ich die Software ab, und nach weniger als einer Minute setzte sich der Oberwachhabende mit einem gehauchten „Wuff“ hin. Nach ein paar Anstandssekunden erhob ich mich ganz langsam und setzte meinen Weg mit dem Austauschhund fort. Hinter uns Schweigen, Tilly (sie wird es wohl doch gewesen sein) sah sich nur einmal um, war sich unserer Sache also absolut sicher.
Auf dem Rückweg hatten wir es schon einfacher. Das gleiche Spiel, nur gleich von Beginn an mit Grasgeschnüffel und natürlich schon etwas entgiftet und kürzer. Am nächsten Tag bekamen wir die Genehmigung nach einer nur kurzen Wartezeit und weniger heftiger Diskussion. Wenn der Oberwachmann sich hinsetzt, ist der Antrag durch. Am übernächsten Tag ging es noch flotter. Ich blieb trotzdem eine halbe Minute bei den Hunden. Irgendwie mag ich die beiden. Und Tilly fing schon an, gelangweilt zu buddeln, kurzzeitig sogar mit dem Rücken zu den Wachposten. Tilly und denen den Rücken zeigen, na, wenn das kein Lob für mich ist!
Ja, und heute stand der Oberwachhabende nicht einmal mehr auf, sondern winkte uns mit einem gefälligen „Wuff“ gleich durch. Ein halbes Minütchen habe ich den beiden aber dennoch spendiert. Tilly und ich sind schliesslich anständige Hunde!














Blog-Eintrag weiterempfehlen